Wir schreiben das Jahr 1828: Einige muntere Gymnasiasten aus der bayerischen Haupt- und Residenzstadt München – unter ihnen der 17jährige Max Haushofer (1811 – 1866) unternehmen im Spätsommer zu Fuß und mit der Postkutsche eine lustige Ferienreise in die bayerischen Berge und entdecken die malerisch gelegene Fraueninsel im Chiemsee, wo sie einige vergnügte Tage verbringen. Schon 1830 kehrt Max Haushofer auf die Insel zurück und begegnet erstmals seiner späteren Frau, deren Eltern den Inselgasthof „Zur Linde“ führen. In Münchner Künstlerkreisen erzählen Haushofer und seine Freunde begeistert von ihren Erlebnissen auf der Insel, auf und an dem See, so dass in den folgenden Jahren eine immer größer werdende Künstlerschar aus München jeweils in den Sommermonaten Quartier im Inselwirtshaus auf der Fraueninsel nimmt und die Freiluftmalerei pflegt. Nachdem die Säkularisation des Jahres 1803 mit der Auflösung der Klöster auf der Fraueninsel und der benachbarten Herreninsel eine Lähmung des sozialen und gesellschaftlichen Lebens verursacht hatte, waren die Einheimischen über die Ankömmlinge aus der Stadt durchaus erfreut, die wieder Leben, Abwechslung und manchen Kreuzer auf die Insel brachten. Eine der ersten deutschen und wohl auch eine der ältesten europäischen Künstlerkolonien ist entstanden! Max Haushofer, der nach längeren Aufenthalten im Berchtesgadener Land und in Italien ein anerkannter Landschaftsmaler geworden war, heiratete im Jahr 1838 die Gastwirtstochter Anna Dumbser. Es wurde eine Doppelhochzeit gefeiert, denn gleichzeitig vermählte sich der beste Freund Haushofers, der Historienmaler Christoph Christian Ruben (1805 – 1875) mit Annas Schwester Susanne.
Die Kunsthistorikerin Ruth Negendanck unterscheidet zwischen drei Typen von Künstlerkolonien:
Der Kolonistentyp: die Künstler entdecken eine Ansiedlung oder eine Landschaft, die ihnen einen von der Zivilisation unberührten Urzustand bietet; sie bauen sich in dieser Landschaft ihre Künstlerhäuser. Beispiel hierfür ist Worpswede bei Bremen;
2. der Landhaustyp: ein Mäzen, der auch Künstler sein konnte, lädt Künstler in sein Landhaus ein; Beispiel hierfür ist die Insel Hiddensee;
schließlich der Gasthaustyp: Die Künstler treffen sich in einer Gastwirtschaft, in der man auch übernachten kann und an Zahlung Statt seine eigenen Kunstwerke verwenden kann.
Wie in der Auberge Ganne in Barbizon südlich von Paris stellte die „Linde“ auf der Fraueninsel den Mittelpunkt der Künstlerkolonie dar. Im Jahr 1841 stifteten der Malerpoet Josef-Dietrich Lentner (1814 – 1852) und der Maler Engelbert Seibertz (1813 – 1905) die berühmte „Chronik von Frauenchiemsee“, in der sich die auf der Fraueninsel ankommenden Künstler namentlich eintrugen und sich mit einer Zeichnung oder einem Gedicht oder Sinnspruch verewigten. Die Wirtsstube, in der sich die Künstler trafen, ist noch heute im „Inselhotel Zur Linde“ in Gebrauch.
Künstlerkolonien entstehen, wie Ruth Negendanck in ihrem Werk „Künstlerlandschaft Chiemsee“ nachweist, in der Nähe größerer Städte. Die auf dem Land in einer Künstlerkolonie, gleich welchen Typs, lebendenden Maler brauchen eine Stadt mit Ausstellungen und einem Kunstmarkt, wo sie ihre Werke dem Publikum anbieten und verkaufen können. Mit der Eröffnung der Bahnlinie München-Salzburg mit einem Bahnhof in Prien im Jahr 1860 war die Kunststadt München dem Chiemsee näher gerückt. Die seit 1845 verkehrende Chiemsee-Dampfschifffahrt und die seit 1887 den Bahnhof in Prien und den Hafen in Prien/Stock verbindende Chiemseebahn, die bis zum heutigen Tag noch mit der Original-Lokomotive unterwegs ist, taten ein Übriges, um die Reise von München zum Chiemsee und zu seinen Inseln und in umgekehrter Richtung zu erleichtern. Ab 1861 setzt ein Zustrom von Künst-lern ein, Maler aus allen Sparten reisten an, wie Ruth Negendanck schreibt. Aus der Vielzahl seien die Landschaftsmaler Eduard Schleich d. Ä. (1812 – 1874) und Adolf Lier (1827 – 1882) genannt. Während sich Haushofer und seine Freunde noch ihre Anregungen in Italien suchten, wurden Schleich und Lier durch die Schule von Barbizon beeinflusst, nachdem jeder von ihnen einige Zeit in Barbizon verbracht hatte. Beide prägen kommende Künstlergenerationen.
Gleiches gilt in ganz besonderer Weise für Karl Raupp (1837 – 1918) und Josef Wopfner (1843 – 1927).
Karl Raupp wirkt seit 1879 als Professor an der Akademie in München. Schon 1869 besucht er erstmals die Fraueninsel. „Jahr für Jahr sah mich seitdem der Chiemsee an seinen Ufern und auf seinen Inseln und immer Fesselndes hab’ ich da gefunden ...“, schreibt er in einer Selbstbiografie. Viele seiner Schüler und Malerfreunde folgen ihm auf die Insel. Der Tiroler Josef Wopfner, mit Wilhelm Leibl befreundet, der vielleicht bekannteste Chiemseemaler, lernt die Fraueninsel 1872 kennen und bleibt ihr bis zu seinem Tode treu. Raupp und Wopfner schildern das Alltagsleben auf der Insel. Sie fangen den See mit seinen Anwohnern und Ufern in immer wieder welchselnden Stimmungen ein, Wopfner führt uns die Auseindersetzung der Fischer und Bauern mit Wind und Wellen dramatisch vor Augen. Den beiden „Malerkönigen“ folgen viele andere Künstler auf die Fraueninsel; manche meiden jedoch die Insel, sei es wegen der größeren Bequemlichkeit auf dem Festland, sei es auf der Flucht vor Malerkollegen und dem beginnenden Fremdenverkehrsrummel, und siedeln sich in den Uferorten an, so zum Beispiel in Gstadt, Übersee und Prien. Sie bilden, angeregt von der Fraueninsel, neue Künstlergemeinschaften, sogenannte Filiationen.
Für die Entwicklung einer Künstlerlandschaft ist, wie Ruth Negendanck in ihrem Buch „Künstler-landschaft Chiemsee“ schreibt, die Bildung von Filiationen der Mutterkolonie, hier Frauenchiemsee unbedingte Voraussetzung. Das gleiche Phänomen hat auch in der Umgebung von Barbizon zu einer weiträumigen Künstlerlandschaft geführt. Ähnliches gilt für Worpswede und Ahrenshoop.
In der Filiation Prien bilden sich als Künstlergemeinschaft die „Bären und Löwen“ mit Hugo Kauffmann (1844 – 1915) als wichtigstem Vertreter, der sich 1872 in einem großzügigen Landhaus im Priener Ortsteil Gries niederließ. Seit 1898 hält sich Julius Exter (1863 – 1939) im Sommer regelmäßig in Übersee auf. 1892 begründet er zusammen mit Franz von Stuck und anderen Künstler die „Münchner Sezession“, seit 1894 gehört er zur progressiven Gruppe „Freie Vereinigung Münchner Künstler“, einer Absplitterung der Sezession. Im Überseer Ortsteil Feldwies kauft Julius Exter 1902 ein altes Bauernhaus, in dem er nicht nur wohnt, sondern auch eine Galerie und eine Malschule betreibt. In der Galerie „Julius Exter“ in Übersee/Feldwies kann man in den Sommermonaten noch heute die farben- und sinnesfrohen Gemälde Exters bewundern.
Schon im 19. Jahrhundert können wir europäische Bezüge in unserer Künstlerlandschaft Chiemsee feststellen. Pál Szinyey Merse (1845 – 1920) aus Ungarn, der an der Münchner Akademie studiert, ist 1864 auf Frauenchiemsee und trägt sich in der Künstlerchronik als „Glücklichster aller Glücklichen“ ein. Er leitet später von 1905 – 1920 die Budapester Akademie der Bildenden Künste und beeinflusst die ungarische Künstlerkolonie Nagybánya, aus der die alte Künstlerkolonie Szentendre (nördlich von Budapest an der Donau gelegen) hervorgegangen ist, deren Mitglieder im Jahr 2007 in der Galerie im Alten Rathaus in Prien eine Ausstellung gestalten sollten.
Franz Roubaud (1856 – 1928) aus Odessa, ab 1877 Student in München, der als Schlachtenmaler zu internationalem Ansehen gelangte, baute im Jahr 1903 ein Sommerhaus wird Rimsting, einer weiteren Filiation am Chiemsee. Ihm, der eine Professur in St. Petersburg inne hatte, und seiner Familie wurde Rimsting nach dem ersten Weltkrieg zur Heimat. Seine Enkelin Sylvia Roubaud stellt ihre Bilder in München und Moskau, aber auch in der Galerie im Alten Rathaus in Prien aus.
Im Jahr 1920 begründen Hiasl Maier-Erding, Thomas Baumgartner (1892 – 1962), Constantin Gerhardinger (1888 – 1970) und Rudolf W. Groeschel (1891 – 1985) die Künstlergemeinschaft „Die Frauenwörther“. Die beeindruckendste Persönlichkeit dieser Künstlergruppe ist wohl Hiasl Maier-Erding (1894 – 1933). Er malt mit besonderer Ausdruckskraft mit gekonntem Pinselstrich seine oberbayerische Heimat und die hier wohnenden Menschen. Schade, dass ihm nur ein kurzes Leben vergönnt war!
Prien am Chiemsee, seit dem Mittelalter Gerichtssitz, seit 1897 Markt, entwickelt sich aufgrund seiner günstigen Lage zum Mittelpunkt der Künstlerlandschaft Chiemsee. Die Künstler, die sich ab 1921 in der Künstlergemeinschaft „Welle“ zusammegefunden hatten, unter ihnen Bernhard Klinckerfuss, Friedrich Lommel, Karl-Hermann Müller-Samerberg, Paul Roloff, Emil Thoma und Paula Rösler, später noch Rudolf Sieck, errichteten auf eigene Kosten auf den Schären in Prien/Stock einen Ausstellungspavillon, in dem von 1922 bis 1933 regelmäßig Ausstellungen stattfanden. Schon im August 1945 treffen sich Künstler des Chiemgaus im Alten Amtsgericht zur wohl ersten deutschen Kunstausstellung nach dem 2. Weltkrieg. Die ausstellenden Künstler waren Arnold Balwé, Elisabeth Balwé-Staimmer, Georg Blank, Hugo Decker, Willibald Demmel, Willi Geiger, Ruprecht Geiger, Hermann Geiseler, Fritz Harnest, Hermann Hegenauer, Theodor von Hötzendorff, Robert Kallen-berger, Fritz Halberg-Krauss, Otto Hohlt, Rudolf Kriesch, Fritz Kühner, Karl Leipfinger, Erika Lochmüller, Friedrich Lommel, Marianne Lüdicke, Wilhelm Georg Maxon, Karl Meisenbach, Anton Müller-Wischin, Lore Müller, Georg Johann Schlech, Rudolf Sieck, Hans Stangl, Adolf Vogel. Dieser Ausstellung folgten jährliche Ausstellungen in der Volksschule. 1985, nach dem Umzug der Verwaltung des Marktes Prien in ein neues Rathaus wurde das alte Rathaus an der Prienbrücke in eine Galerie umgewidmet. Der Kulturförderverein Prien am Chiemsee, der sich der gesamten Künstlerlandschaft Chiemsee verpflichtet fühlt, gestaltet dort jährlich fünf bis sechs Ausstellungen, wobei er einerseits die Tradition der Künstlerlandschaft ab 1828 pflegt, andererseits die zeitgenössischen Künstler aus der näheren und weiteren Umgebung des Chiemsees vorstellt und das Publikum für das Kunstschaffen der Gegenwart aufgeschlossen machen möchte. So präsentieren jedes Jahr in den Sommermonaten Juli und August rund 70 Maler, Grafiker und Bildhauer in der Ausstellung „Künstlerlandschaft Chiemsee - Kunst im Chiemgau“ mit der jeweiligen Jahreszahl ihre Werke und geben so einen Überblick über die zeitgenössischen künstlerischen Strömungen in der heutigen Künstlerlandschaft Chiemsee.
Weiterführende Literatur
Ruth Negendanck, Künstlerlandschaft Chiemsee, Verlag Atelier im Bauernhaus, 2008
Fritz Aigner, Maler am Chiemsee, Eigenverlag des Marktes Prien a. Chiemsee, 1983
Hans Hayn, Süddeutsche Malerei, Rosenheimer Verlagshaus, 1979